Stimme? Läuft! – nicht?

Stimme? Läuft selbstverständlich! – oder nicht? 

Auf meine Stimme konnte ich mich immer verlassen. 
Sie hat immer funktioniert- egal welch widrige Umstände ich ihr zugemutet habe. Klar, mal war es leichter und manchmal etwas mehr Arbeit- aber ich habe gute Strategien und eine gute Technik, so dass sie immer verlässlich da war. 

Bis vorgestern. Da stand ich im Konzerthaus Wien als Solistin mit Bigband auf der Bühne und hatte gerade den Anfang zu “Somewhere over the rainbow” gesungen. 

Und dann ganz plötzlich, ich wollte gerade die zweite Strophe singen: nichts.
Es kam einfach nichts mehr aus meinem Mund raus. Keine Töne jedenfalls, nur ein klägliches Krächzen. 
Die Band spielte pompös weiter, ich versuchte es wieder – auf jede erdenkliche Art und Weise: nichts. Ein unglaubliches Gefühl. Mir wurde klar: nichts zu machen. Ich ging zum Bandleader und sagte ihm, dass wir das Stück abbrechen müssen – und ging dann von der Bühne. Ich war fassungslos – was war los? Das Gefühl, dass einem das Instrument völlig entgleitet und man gar keinen Einfluss mehr hat – das hatte ich noch nie erlebt.

Hinter der Bühne wartete ich, was passierte und als ich hörte, dass die Band ein Instrumental- Stück spielte, ging ich in die Garderobe. Als ich dort ein paar Töne probierte: ging es wieder! Als wäre nichts gewesen. Nach ein paar Übungen war ich sicher: Ich konnte zurück auf die Bühne. 

Das tat ich auch und bat darum, das abgebrochene Stück zu wiederholen. 

Es war ein Meer an Emotionen, die ich in diesem Stück durchlebte: Angst, Demut, Dankbarkeit, Freude, vorsichtiges Loslassen… Es waren besondere Momente. Nach dem letzten Ton kamen mir die Tränen. Ich war erleichtert und unendlich dankbar. 

An den Applaus kann ich mich nicht erinnern, aber mir wurde später berichtet, dass er enthusiastisch war – und wahrscheinlich auch erleichtert 🙂 

What the f***…..??!!

In die Erleichterung mischten sich immer wieder die Gedanken: was ist passiert? Warum konnte ich es nicht kontrollieren? Und es kratzt natürlich sofort am Selbstbild: Ich als erfahrene Sängerin und Gesangspädagogin: das darf mir doch nicht passieren! Aber eigentlich war mir schon klar: das hat damit nichts zu tun- das war etwas, was absolut nicht in meiner Hand lag. Aber woran dann? Und: kann es wieder passieren? 

So ein Erlebnis kann ja leicht zum Auslöser für eine Angststörung werden, daher wollte ich es unbedingt besser einordnen können. Zum Glück fand ich in der Nähe des nächsten Veranstaltungsortes einen HNO-Arzt, der mich kurzfristig untersuchte. 

Seine Diagnose: entzündete Nebenhöhlen (seit der Covid-Erkrankung vor ein paar Wochen), deren Sekret für permanente Reizung der Stimmbänder sorgte. Dazu die Nachtfahrt im Bus von Köln nach Wien ohne Schlaf mit Klimaanlage: das war soviel Reizung, dass die Stimmbänder nicht mehr richtig schlossen. Ich habe da natürlich dagegen gesteuert und irgendwann war es etwas zu viel – und es gab einen Krampf. Dann ging gar nichts mehr. 

Behandlung der Nebenhöhlen, Befeuchtung, Pflege, Schlaf und gutes Einsingen sind die Mittel der Wahl, dass alles wieder funktioniert. Und kein Druck. Das ist natürlich immer, worauf man achtet. Aber auch noch mal gut zu merken: In manchen Situationen ist der Druck durch äußere Umstände schon so groß, dass ein kleines Quäntchen reicht, um das Faß zum Überlaufen zu bringen.
Und dann zu schaffen, bei sich zu bleiben und gut für sich und die Stimme zu sorgen und trotz aller Vorsicht noch offen und durchlässig zu sein- das ist eine Aufgabe, die mir lange schon nicht mehr so bewusst war. 

Eine Aufgabe, die mir gestern beim nächsten Konzert gelungen ist. Und ich bin optimistisch, dass ich nicht in den Angst-Kreislauf gerate. Eine Aufgabe, die mich mit Demut erfüllt. 

Demut

Demut vor diesem Instrument, dass so unmittelbar und verletzlich ist und dem ich oft soviel zumute und erwarte, dass es immer funktioniert. Manchmal wünsche ich mir ein anderes Instrument, dass einfach außerhalb des Körpers ist und das immer funktioniert, wenn man drauf drückt oder haut. Egal, wie es einem gerade geht. 

Dann hingegen bin ich wieder tief berührt von der Macht und der Menschlichkeit, die in der menschlichen Stimme liegt. Und dass ich diese Aufgabe- so schwer sie auch manchmal ist, von Herzen liebe. 

Und dann erreichten mich Worte von den Kollegen aus der Band, die es alle großartig fanden, wie ich die Situation kommuniziert habe und ich nicht weg gelaufen bin und nicht vor Scham versunken- sondern zurück gekommen bin und das Stück zuende gebracht habe. Und allen Menschen im Raum einen Einblick in mein tiefstes Inneres erlaubt habe. 

Mich erreichten folgende Worte eines Wiener Konzertbesuchers, die mich sehr gerührt haben: 

“Ich möchte mich ganz herzlich für den schönen Moment, den Sie beim gestrigen Konzert im Wiener Konzerthaus dem Publikum mit Ihrer Interpretation des Liedes “Somewhere over the rainbow” geboten haben, bedanken. Sie haben es verstanden, die umständehalber sicher nicht ganz einfachen Emotionen in eine intensive und hinreissende Darbietung dieses Songs zu investieren und damit mir – und wohl einigen anderen Konzertbesucher:innen auch – ein paar besonders bemerkenswerte Konzertminuten beschert, die in Erinnerung bleiben.

Sie können die weitere Tournee mit der Gewissheit bestreiten, das Publikum in Wien mit Ihren Darbietungen mehr berührt zu haben als viele andere Künstler:innen.

Dem Konzerthauspublikum ist bewusst, dass die menschliche Stimme keine Maschine ist. Entscheidend ist, wie mit diesem fragilen Thema umgegangen wird. Und da meine ich, dass Sie die Herzen vieler Wiener:innen erreichen und gewinnen konnten.” 

Best worst case szenario 

Wie schön. Und so wandelt sich diese Erfahrung von der schrecklichsten Situation, die man auf einer Bühne erleben kann in eine eigentlich gute Erfahrung. Menschlich sein. Dinge passieren, die nicht in unserer Hand liegen. Ich kann nur tun, was ich tun kann. Und dankbar und demütig sein, wenn es gut läuft. Und meinen Teil dazu beitragen. Mein Instrument sorgsam behandeln. Für adäquate Umstände sorgen. 

Und gestern lief es wieder. Und es hatte auch wieder Leichtigkeit und Spaß. Ein Glück. Das zu verlieren wäre schlimm gewesen.

Würde ich mir wünschen, das wäre nicht passiert? JA! Aber andersrum “shit happens”,  wie ein weiser Tontechniker zu sagen pflegt  und “You never know when it’s your turn”. Jetzt weiß ich das wenigstens! 

Und freue mich auf die Konzerte, die kommen. Zeigen, was da ist. Eine gute Zeit haben. Tolle Musik spielen. Ich liebe es !!!