Wohlwollen oder Druck
Musizieren kann heilsam sein – oder verletzend. Gerade im Musik- und Gesangsunterricht entscheiden Atmosphäre, Haltung und Kommunikation darüber, ob Menschen wachsen oder sich verschließen. Ich arbeite seit vielen Jahren mit angehenden und ausübenden Lehrenden und sehe immer wieder: Nicht die Methode allein macht guten Unterricht aus, sondern die Art, wie wir miteinander umgehen.
Dieser Artikel ist ein Plädoyer für zugewandtes, wertschätzendes Arbeiten – und dafür, alte Machtstrukturen endlich hinter uns zu lassen.
Ein Tätigkeitsfeld wird zur Leidenschaft
In den letzten Jahren hat sich eines meiner Tätigkeitsfelder zu einer Leidenschaft entwickelt: die Arbeit mit angehenden und ausübenden Lehrenden im Bereich des populären Gesangs und der Chorleitung.
An der Folkwang Universität der Künste in Essen unterrichte ich seit einigen Jahren das Fach “Fachdidaktik und Unterrichtsdurchführung für populären Gesang”. An der Uni Köln arbeite ich mit angehenden Lehrer*innen, darüber hinaus coache ich immer wieder Lehrende und Chorleitende in diesem Fach und gebe zunehmend mehr Fortbildungen.

Es geht weniger um das „Was“ als um das „Wie“
Mir fällt auf, dass meine große Leidenschaft gar nicht nur das „was“ ist, sondern vielmehr das „wie“. Ich nahm lange an, die „alte“, sehr hierarchisch und defizitär geprägte Art zu unterrichten, die ausschließlich Fehler und Unvermögen thematisiert, sei längst überholt und quasi mit Ende meines eigenen Studiums (an einer deutschen Hochschule) ausgestorben.
Während meines CVT-Studiums in Kopenhagen war der bedingungslose Respekt im Unterricht selbstverständlich, völlig unabhängig davon, wer gerade in welcher Funktion agierte, also ob man gerade Lehrender oder Schüler*in war. Die Rollen von Lehrenden und Lernenden bedeuteten nie, dass sich jemand über eine andere Person stellte.
Dadurch entstand eine wohlwollende und angstfreie Atmosphäre, die ein schnelles, erfüllendes Lernen ermöglichte.
Das war um 2010 – also vor 15 Jahren. Inzwischen sollte dieser Ansatz doch auch hier selbstverständlich sein, oder?
„Das war jetzt ja mal nicht ganz schlecht“
Weit gefehlt!
Oft herrscht immer noch Angst, Versagen und Erniedrigung.
Wenn „Das war jetzt ja mal nicht ganz schlecht“ das Positivste ist, was ein Lehrender sagt – was soll daraus wachsen?
Diesen Satz hörte ich erst vor wenigen Wochen in einem Workshop von dem Dozenten. Und es war tatsächlich der positivste Kommentar des gesamten Tages.
Game-changer
Tatsächlich erlebe ich häufig, dass eine entspannte, freundliche Atmosphäre vielen Lernenden im Unterricht noch nicht begegnet ist – und vielen Lehrenden gar nicht klar ist, dass das eine Rolle spielen könnte und was für ein Gamechanger das für alles ist, was danach kommt.
Das Bewusstmachen dieser Grundvoraussetzung für angstfreies Lernen ist zu einem Kernpunkt meiner Seminare geworden.
Schon vor ca. 15 Jahren erschien das Buch „Icebreakers“ von Tine Fris & Kristoffer Fynbo Thorning*. Es beschäftigt sich damit, wie Gruppen in kürzester Zeit vertrauensvoll und angstfrei miteinander arbeiten können. Zunächst hielt ich es für Spielerei- ich war ja in meiner eigenen Ausbildung ganz anders geprägt.
Dann habe ich mich damit mehr und mehr beschäftigt und die unglaublich positiven Auswirkungen auf Proben und Workshops bemerkt, die mit solchen Übungen für gegenseitige Kontaktaufnahme und Vertrauensbildung beginnen. Es herrscht Freude, Energie und Lust zu Lernen.
Lust zu Lernen
Viele Icebreaker sind heute Standard in Büchern über Stimmbildung – aber in der Praxis werden sie immer noch oft ausgelassen.
Typische Aussagen sind:
„Das machen wir mal, wenn ganz viel Zeit ist.“
„Bei langen Probenwochenenden.“
„Dafür haben wir jetzt keine Zeit – wir müssen ja die Stücke schaffen!“
Dass alles viel schneller gehen würde, wenn entspannte Stimmen und Nervensysteme im Raum wären, ist vielen nicht bewusst.

Worum es wirklich geht: Kontakt, Wahrnehmung, Sicherheit
Ich spreche z. B. von:
- Übungen zur Kontaktaufnahme
- Einlassen aufeinander
- Miteinander vertraut werden
- Beruhigen des Nervensystems
- Ganzheitliche Wahrnehmung von Stimme, Körper und Raum
- Und ganz niedrigschwellig: gemeinsames Lachen
Es geht darum, dass der Genuss der Musik an erster Stelle steht – nicht das Korrigieren von Fehlern.
Kleiner Selbsttest für Lehrende
Wie würdest du folgende Sätze beenden?
Ich gehe davon aus, dass alle in der Probe/Unterricht/…
a) ihr Bestes geben
b) ihr Schlechtestes geben
2. Ich möchte in meiner Probe
a) Recht haben
b) Macht demonstrieren
c) Musik machen
3. Bei einer Probe: es gab eine deutliche Ansage, alles auswendig zu können und eine Person möchte partout ihre Noten nicht weg legen.
Was denkst du, warum?
a) um Dich zu ärgern
b) um deine Führungsrolle in Frage zu stellen
c) weil sie in Not ist und glaubt, keine andere Wahl zu haben. Sie ist sicher, dass sie sonst versagen wird
Was passiert als nächstes?
a) Du verbietest vor der Gruppe den Blick in die Noten.
Es entsteht eine Atmosphäre von Machtdemonstration und Angst. Fehler sind vorprogrammiert. Durch das Proben ohne Noten und die daraus folgenden Wiederholungen einzelner Passagen wird das Versagen der Person für alle sichtbar und zum Hauptbestandteil der Probe.
Ergebnis: zähe, unbefriedigende Probe.
b) Du ärgerst Dich über diese Mißachtung, aber gehst erstmal davon aus, dass die Person diese Stütze in diesem Moment unbedingt braucht, um sich sicher zu fühlen und probst weiter. Du kannst in entspannter Atmosphäre proben, in der sich alle sicher fühlen.
Nach dem ersten Durchgang fragst du nochmal einfühlsam nach, ob es jetzt auch ohne Noten geht. Wenn nicht, wiederholst du vor der Gruppe, dass es eigentlich alle auswendig können sollten und bittest die Person um ein Gespräch unter vier Augen.
4. Stimmst du diesen Aussagen zu?
Ich gehe mit Wohlwollen davon aus, dass alle anwesenden Personen in ihrem individuellen Rahmen ihr Bestes zugunsten der Musik und der Gemeinschaft geben. Wenn sich jemand anders verhält, als ich das möchte oder erwarte, gehe ich erstmal davon aus, dass es dafür einen Grund gibt, auch wenn er mir nicht bekannt ist. Ich gehe nicht davon aus, dass diese Person aus Nachlässigkeit oder Missachtung mir gegenüber handelt.
Unabhängig von der situativen Rollenverteilung ist selbstverständlich, dass keine Person in ihren Grenzen missachtet, bloßgestellt oder willentlich verunsichert wird.
Warum Kritik oft schwerer wiegt als Lob
Wahrscheinlich hat es mit unserer Sozialisation zu tun:
Wir nehmen Menschen – besonders Lehrende –, die uns kritisieren, ernster als jene, die uns loben.
Ich möchte das nicht mehr.
Ich bin überzeugt: Eine Basis aus Sicherheit und Wohlwollen führt nicht zu Faulheit, sondern zu Wachstum.
Daher bin ich froh, dass ich mich immer aus veralteten Machtstrukturen lösen kann und, soweit es in meiner Macht steht, nur noch mit Menschen zusammenzuarbeite, mit denen dieses Selbstverständnis des gegenseitigen neugierigen Wohlwollens eine Selbstverständlichkeit ist.
Und ich sehe meine Aufgabe auch darin, in meiner Rolle als Lehrende einen ganz bewussten Gegenpol zu den immer noch zu präsenten Machtstrukturen zu setzen.
Nur noch in der Komfortzone bleiben?
Natürlich geht es auch darum, zu fordern, Neues zu probieren und sich was zu trauen. Dazu müssen alle beteiligten auch mal aus ihrer Komfortzone gelockt werden, oder noch besser: diese erweitern. Das passiert allerdings nicht, wenn sie sich von Anfang an überfordert und unsicher fühlen. Das gelingt aus einer entspannten, sicheren Umgebung heraus.
Modern unterrichten: Vom Machtgefälle zur Lernpartnerschaft
Wohlwollen ist kein „Nice-to-have“, sondern die Grundlage für musikalisches Wachstum. Wenn wir Menschen in Sicherheit und Vertrauen begegnen, öffnen sich Stimmen, Körper und Herzen – und Musik entsteht dort, wo sie hingehört: im Miteinander. Ich wünsche mir, dass immer mehr Lehrende und Leitende die Kraft der Zugewandtheit erkennen und leben.
*https://www.singergy.dk/de